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Auf dem 10. Längengrad

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Die Vermessung der Welt vor über 130 Jahren rückt Hohenlohe auf einen prominenten Platz des Koordinatensystems. HT-Serie stellt interessante Schnittpunkte vor.

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Die Vermessung der Welt vor über 130 Jahren rückt Hohenlohe auf einen prominenten Platz des Koordinatensystems. HT-Serie stellt interessante Schnittpunkte vor.

Von Harald Zigan 

Durch Hohenlohe zieht sich eine imaginäre Linie, die heuer im Mittelpunkt der HT-Sommer­serie steht: Der 10. Längengrad kreuzt auf seinem „Weg“ von Pol zu Pol das Land an Kocher und Jagst – und markiert hier Dörfer, Sehenswürdigkeiten, Raritäten, ganz spezielle Plätze und Naturdenkmale, die das HT in einer 13-teiligen Serie jeweils mittwochs und freitags vorstellen wird.

Die einzelnen „Stationen“ liegen nicht alle exakt auf dem 10. Längengrad, sondern manchmal ein paar Hundert Meter links oder rechts von der geografischen Ideallinie entfernt, die zum Beispiel ganz genau durch die Ortsmitte von Frankenhardt-Stetten verläuft. Über den 10. Längengrad sind die Bewohner dieses Dorfes nicht nur mit Tunis in Nordafrika, sondern auch mit Ulm, Würzburg, Hamburg oder Oslo verbunden. Denn diese Metropolen liegen allesamt auf dem 10. Längengrad.

Eine Sternwarte spielt die Hauptrolle

Dass sich auch die Hohenloher über ein geografisches Koordinatensystem verlässlich über ihren Standort in Raum und Zeit orientieren können, ist der Sternwarte im englischen Greenwich zu verdanken: Anno 1884 einigten sich die Teilnehmer einer internationalen Konferenz in Washington darauf, den Planeten Erde mit einem einheitlichen Netz aus Breiten- und Längengraden zu überziehen, aus denen später auch die verschiedenen Zeitzonen abgeleitet wurden. Als Nullpunkt bei den Breitengraden war von Natur aus der Äquator vorgegeben. Für den Nullmeridian der Längengrade wiederum wurde das britische Observatorium gewählt. Der Standort kommt nicht von ungefähr: Die  Engländer beherrschten seinerzeit mit ihrer Flotte die Ozeane, die meisten Schiffe waren ohnehin mit englischen Seekarten auf den Weltmeeren unterwegs.

Genialer Tischler und Tüftler

Und es war ein Engländer, der über 100 Jahre zuvor eines der größten wissenschaftliche Probleme seiner Zeit gelöst hatte: Mit der Uhr „H 4“ des Tischlers und Tüftlers John Harrison war es ab 1762 möglich, den Längengrad exakt zu bestimmen.

Für die damaligen Seefahrer war es zwar eine leichte Übung, den Breitengrad tagsüber mit dem Stand der Sonne und nachts mit dem Polarstern oder dem Kreuz des Südens zu ermitteln. Auf welchem Längengrad aber die Schiffe gerade segelten, war ein Buch mit sieben Siegeln: Höchst komplizierte Tabellen etwa mit den Mondphasen lieferten nur äußerst ungenaue Ergebnisse für die Positionsbestimmung – und führten die Schiffe nicht selten ins Verderben.

Eine Katastrophe im Jahr 1707 verstärkte die Suche nach einer Lösung des Problems: Der britische Admiral Shovell glaubte sich nach  einer Seeschlacht auf sicherem Kurs Richtung Heimathafen, strandete aber auf den Scilly-Inseln. 21 Schiffe gingen unter und rissen 1500 Seeleute mit in den Tod. Das britische Parlament lobte daraufhin die exorbitant hohe Summe von 20.000 Pfund für eine praktikable Methode zur Bestimmung des Längengrades aus.

Dass Uhren für diesen Zweck gut geeignet sind, war Wissenschaftlern schon geraume Zeit vorher klar: Aus der Differenz der leicht bestimmbaren Ortszeit auf hoher See und der Zeit, die ein an Bord mitgeführter Chronometer für den Heimathafen und seine bekannten Koordinaten anzeigte, lässt sich der Längengrad an Ort und Stelle berechnen.

Eine Uhr rettet unzählige Leben

Es haperte allerdings an der Ganggenauigkeit bei den rauhen Bedingungen auf hoher See. Erst John Harrison gelang die Konstruktion einer Uhr, die auf einer 81-tägigen Testfahrt nach Jamaika nur um 5 Sekunden abwich. Der Tüftler musste allerdings noch Jahrzehnte auf die Auszahlung des Preisgeldes warten.

Ein Denkmal, das wie in Hornberg bei Kirchberg oder auf dem Petrus-Platz in Neu-Ulm auf den 10. Längengrad hinweist, erinnert also auch an den genialen John Harrison und seine Uhr, die unzählige Seeleute vor dem Tod bewahrt hat – bis Satelliten die Navigation übernommen haben.

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In Fichtenhaus leben heute 27 Personen aus vier Generationen in acht Häusern. Früher wurde hier Wagenschmiere gebrannt.

Christine Hofmann

Eine Trafostation, ein Buswartehäusle und acht Häuser stehen in Fichtenhaus, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Frankenhardt, kurz nach der Abzweigung der Landesstraße in Richtung Oberspeltach gelegen. 27 Einwohner zählt der Weiler heute. Sie verteilen sich auf vier Generationen und acht Häuser. Der Ort, so klein er auch ist, hat Zukunft: Es leben fast so viele Kinder wie Erwachsene hier. „In meiner Kindheit lebten hier drei Familien“, erzählt Reinhold Joos (80), der gleich im ersten Haus an der Straße, mit zwei Kastanienbäumen auf dem Hof, aufgewachsen ist.

Der Pfarrer im Ruhestand, der seit einigen Jahren in Gründelhardt lebt, hat immer noch eine enge Beziehung zu diesem Weiler, an dem, wie er herausgefunden hat, die Familie Joos seit 1811 wohnt – heute also schon in der siebten Generation. Im Jahr 2011 lud er sämtliche Verwandte zu einem großen Joos-Treffen nach Fichtenhaus ein, und man feierte gemeinsam, dass die Familie seit 200 Jahren an diesem Ort lebte.

Heimatkunde gehört dazu

Reinhold Joos hat erst im Ruhestand mit der Ahnenforschung begonnen. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass man Ahnenforschung immer im Zusammenhang mit Heimatkunde betrachten muss, sonst kommt man nicht weiter“, sagt er und blick über die Bücher, die sich im Regal seines Arbeitszimmers in großer Zahl aneinanderreihen. Denn neben den Menschen, die an einem Ort lebten, spielt auch eine Rolle, zu welcher Kirche sie gehörten und von welchem Amt die Ortschaft regiert wurde. Und beides, das hat der 80-Jährige bei seinen Recherchen längst festgestellt, wechselte im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder.

So gibt es neben einem weit verzweigten Stammbaum der Familie Joos auch einen Aktenordner, der prall gefüllt ist mit über die Jahre zusammengetragenen Dokumenten, Verträgen und Kirchenbuchauszügen über den Weiler Fichtenhaus. „Freud und Leid liegen beim Forschen nah beieinander“, berichtet der Pfarrer im Ruhestand. „Man findet etwas heraus – und sogleich tauchen neue Frage auf, die beantwortet werden wollen.“ Die Sammelphase will er deshalb jetzt abschließen, obwohl er freilich noch in zahlreichen weiteren Kirchenbüchern und Archiven stöbern könnte. „Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich fertig werde.“

Dabei hat Reinhold Joos bereits eine Menge herausgefunden: Fichtenhaus wurde 1797 als Industriebetrieb gegründet. Ein Schmierbrenner stellte hier Wagenschmiere her, indem er Harz aus dem nahen Fichtenwald am Fuß des Burgbergs zu Schmierstoffen brannte. Wegen der erhöhten Feuergefahr wurde die Schmiere vorzugsweise fernab von dichter Besiedlung hergestellt. Da bot sich Fichtenhaus natürlich an.

Der erste Schmierbrenner in Fichtenhaus war wohl Joseph Bernd, der ursprünglich vom Bautzenhof stammte. Auch wenn der Beruf inzwischen ausgestorben ist, sprechen die Einheimischen noch immer von „Schmierofen“, wenn sie Fichtenhaus meinen.

Feldlazarett im Hof

An die Kriegs- und Nachkriegszeit hat der 80-Jährige sogar noch eigene Erinnerungen. Zum Beispiel wie die Amerikaner in den letzten Tages des Zweiten Weltkriegs auf Höhe des zehnten Längengrads zwischen Fichtenhaus und Oberspeltach aus dem Wald kamen. Sie schlugen ihr Feldlazarett bei Familie Joos auf und stellten ein großes Küchenzelt in den Hof. „Die untere Etage unseres Wohnhauses wurde beschlagnahmt.“ Für Reinhold Joos und seine Geschwister war das – aus Sicht von Kindern – eine aufregende Zeit.

„An eine Szene erinnere ich mich besonders gut“, erzählt Reinhold Joos. „Auf unserem guten Wohnzimmerbüfett lag ein nasser Stahlhelm eines US-Soldaten. Meine Mutter hat den Helm genommen und auf den Fußboden gelegt.“ Glücklicherweise gab es kein Nachspiel, die amerikanischen Soldaten wunderten sich wohl nur über die deutsche Reinlichkeit, die auch in Kriegszeiten dominierte. Den Wasserfleck auf dem Büfett, das heute in Reinhold Joss‘ Haus in Gründelhardt steht, kann man übrigens heute noch ­sehen.

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Der Burgbergwald ist ein märchenhaftes Stück Natur – und beherbergt Riesen aus Amerika. Einer davon steht an ganz besonders exponierter Stelle.

Sebastian Unbehauen

Die Deutschen und der Wald – das ist eine ganz besondere Beziehung. Im dunklen Tann schlug Hermann die Römer, begegnete Rotkäppchen dem Wolf und hausen bis heute sprichwörtlich die Räuber. Die Stärke, das Urwüchsige, das Undurchdringliche, Unheimliche, Mythische, das dem Wald innewohnt, bezogen die Deutschen seit der Romantik gern auf sich selbst. Und es wirkt nach: Auch in scheinbar so rationalen Zeiten wie den heutigen wächst sich das Fällen eines Baumes nicht selten zur kleinen Staatsaffäre aus – mein Freund, der Baum, ist tot.

Märchenhafte Flecken

Käme das Rotkäppchen aus Crailsheim, es würde durch den Burgbergwald streifen. Über 1450 Hektar erstreckt sich dieser mächtige Forst zwischen Crailsheim, Frankenhardt, Ilshofen und Vellberg. Wer ihn durchwandert, sieht wahrlich märchenhafte Flecken. Gleichwohl wohnt in seiner Mitte keine Großmutter und steht dort auch kein Hexenhaus, sondern: der Burgbergturm, ein Projekt des Albvereins, 1961 eingeweiht, 534 Meter über dem Meeresspiegel, 30 Meter in die Höhe gebaut, über 146 Stufen zu erklimmen, bis zu 120 Kilometer Aussicht bietend – die Landmarke schlechthin in der Gegend.

An dieser Stelle freilich soll es nicht um den Turm selbst gehen, sondern um einen treuen Begleiter, der nicht weit von ihm entfernt steht, fast ebenso hoch in den Himmel ragt und nur deshalb nicht genauso viel Beachtung findet, weil er sich besser tarnt. Er hört auf den Namen „Sequoiadendron giganteum“, besser bekannt ist er aber als Wellingtonie. Die meisten nennen ihn: Mammutbaum.

Ja, einige der imposantesten Bäume im Burgbergwald, sind nicht etwa urdeutsche Gewächse, sondern Zuwanderer von jenseits des großen Teichs. In einem Mammutbaum-Register im Internet sind sie sorgsam aufgelistet. Der Gigant vom Burgberg dürfte einer der ältesten sein, er soll aus der legendären Wilhelma-Saat stammen.

Was hat es damit auf sich? Lutz Krüger, der Initiator des Mammutbaum-Registers, hat es in dem E-Book „Die Giganten des Königs“ beschrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die „Big Trees“ in Nordamerika entdeckt worden, wahrscheinlich 1853 wurden erstmals Samen und Jungpflanzen in Europa eingeführt. König Wilhelm I. von Württemberg, Naturliebhaber und Begründer der Wilhelma, bekam davon Wind und ließ Mammutbaum-Samen ordern. Im Frühjahr 1864 wurde je nach Quellenangabe ein halbes oder ein ganzes Pfund Samen geliefert. Das mag nach nicht viel klingen, ist aber tatsächlich eine riesige Menge – „nach heutigen Erkenntnissen theoretisch geeignet für eine Anzucht von bis zu 10.000 Jung-Wellingtonien“, schreibt Krüger in Bezug auf die Annahme, dass ein Pfund geliefert wurde.

Eine schöne Legende hält sich hartnäckig: Die Württemberger hätten „ein Lot“ bestellt, was ungefähr 15 Gramm entsprach, die Amerikaner hätten „a lot“ verstanden – „eine Menge“ also. Vielleicht stimmt’s, vielleicht wollte der König schlicht den rapide wachsenden Bedarf an Holz sichern.

Im ganzen Königreich verteilt

So oder so, jedenfalls schrieb die „Königliche Bau- und Garten-Direktion“ in ihrem Geschäftsbericht vom 12. August 1865: „Von dem halben Pfund Wellingtonia Samen welche im letzten Frühjahr aus Californien ankamen, wurden ungefähr 5000 kräftige Pflanzen gewonnen.“ Aufzugsort war die Wilhelma gewesen, jetzt wurden die Pflanzen im ganzen Königreich verteilt. Bei Vellberg steht eine Vierergruppe der Bäume nah beieinander. Insgesamt 323 Wellingtonien konnten bis heute zweifelsfrei der Wilhelma-Saat zugeordnet werden.

Kaum ein amerikanischer Gigant dürfte indes einen schöneren Ausblick haben als jener auf dem Burgberg. Es ist halt wie immer: Gesegnet sind jene, die von Stuttgart nach Hohenlohe kommen.

Info Alles über den Burgbergwald kann man in dem Buch „Unser Burgberg – Landmarke und Ausflugsziel in Hohenlohe-Franken“ von Jochen Weidner (Baier) erfahren. Das Werk „Giganten des Königs – 150 Jahre Wellingtonien in Württemberg“ von Lutz Krüger gibt es als E-Book.

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Die Dioxin-Deponie im Burgbergwald erinnert an den größten Umweltskandal, den es in Hohenlohe jemals gegeben hat. Maulach kam damals bundesweit in die Schlagzeilen.

Erwin Zoll

Tief im Burgbergwald, nur zwei Kilometer vom zehnten östlichen Längengrad entfernt, 500 Meter nördlich des Burgbergturms, befindet sich ein auffallender Hügel – zwar nicht versteckt, aber doch abseits der ausgewiesenen Wanderwege, die den Hausberg der Crailsheimer durchziehen. Gut 50 Meter im Quadrat, gut sechs Meter hoch – mit diesen Abmessungen könnte der mit Gras bewachsene, von einem Metallzaun umgebene Hügel als Keltengrab durchgehen. Was aber hier ruht, sind nicht die Überreste eines vorgeschichtlichen Herrschers, sondern Hinterlassenschaften der modernen Zivilisation. Und die sind hochgiftig.

Seveso-Gift

Bei dem Erdhaufen handelt es sich um die Maulacher Dioxin-Deponie. Sie enthält 7000 Kubikmeter Erde, die mit Dioxin verseucht ist, mit dem Gift, das 1976 durch einen Chemieunfall im norditalienischen Seveso bekannt geworden ist. Vom Seveso-Gift war deshalb die Rede, als 1985 bekannt wurde, dass die Böden rund um eine Kabelverschwelungsanlage in Maulach zum Teil hochgradig mit Dioxin belastet sind. Auf dem Gelände selbst wurden Werte von fast 30 000 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm Boden festgestellt. Das sind zwar nur drei Hunderttausendstel Gramm, der Stoff ist aber so giftig, dass schon kleinste Mengen lebensgefährlich sein können. Dieser Umweltskandal hat das 150 Einwohner zählende Dorf vor den Toren Crailsheims bundesweit bekannt gemacht.

Über die Firma Hölzl, die bei Maulach seit Anfang der 50er-Jahre Kabel verbrannte, um das darin enthaltene Kupfer zu gewinnen, hatte es immer wieder Klagen gegeben. Dorfbewohner beschwerten sich über die Belästigung durch Rauch und Ruß, ohne dass die Behörden eingeschritten wären. Im April 1985 jedoch untersagte das Landratsamt Schwäbisch Hall den Betrieb, nachdem im Filterstaub hohe Dioxinwerte festgestellt worden waren. 1986 verkaufte die Firma Hölzl das Anwesen an die Firma Wieser, die dort eine Schrotthandlung einrichtete. Erst 1989 wurde das Betriebsgelände, auf dem die Stadt Crailsheim in gemieteten Gebäuden Asylbewerber untergebracht hatte, gesperrt. Später wurde das Gelände mit großem Aufwand saniert, das heißt, dass die Erde unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen abgetragen und auf die Deponie im Burgbergwald gebracht wurde.

Der Aufwand war enorm, und die Kosten waren es nicht minder. 4,5 Millionen Mark hat das Land ausgegeben, um die Dioxinerde sicher zu verwahren. Den Untergrund der Deponie bildet eine 60 Zentimeter dicke Wanne aus Stahlbeton, Darauf folgen drei Lagen Ton, eine Kunstofffolie und eine Textilschicht, auf der dann die Dioxinerde aufgeschichtet wurde. Die wiederum wurde mit einer Sandschicht, einem Vlies, zwei Tonschichten, einer Kunststofffolie und einer Textilschicht abgedeckt, ehe eine 80 Zentimeter dicke Schicht aus sauberer Erde und Humus aufgebracht wurde. Darauf wächst noch heute das Gras.

Für den Betrieb der Deponie ist das Landratsamt Schwäbisch Hall zuständig – wobei es nicht viel zu betreiben gibt. Das Gras wird regelmäßig gemäht, und der Zaun muss instandgehalten werden. Am wichtigsten ist jedoch die Kontrolle des Grund- und des Sickerwassers, das der Kreis einmal im Jahr untersuchen lässt.

Die Dioxinwerte, die bei diesen Proben ermittelt werden, bewegen sich nach Auskunft des Landratsamts „im Bereich der analytisch möglichen Nachweisgrenze“, und diese Grenze liege bei wenigen Pikogramm, also Billionstel Gramm pro Liter. Um diese Menge zu veranschaulichen, vergleicht das Landratsamt sie mit einem Stück Würfelzucker im Bodensee.

Horst Müller, der während des Skandals als Roßfelder Ortsvorsteher sozusagen an vorderster Front stand, erinnert sich daran, dass die Behörden Erkenntnisse nur scheibchenweise bekannt gegeben hätten. Anerkennung zollt er allerdings Manfred Bulling, der damals Regierungspräsident in Stuttgart war. Der habe mit einem Machtwort dafür gesorgt, dass die Anliegen der Maulacher nicht mehr als unbillig abgetan worden seien. „Ich hatte damals das Gefühl, dass er der Einzige ist, der unsere Sorgen ernst nimmt“, sagt Müller heute.

Belastete Flächen gesperrt

Die Sanierung des Betriebsgeländes war nicht die einzige Folge des Dioxinskandals. Flächen von zusammen elf Hektar dürfen seitdem nicht mehr bewirtschaftet werden, weil sie zu sehr mit Dioxin belastet sind. Wer mit dem Auto von Ilshofen nach Crailsheim fährt, kann diese Flächen neben der Straße leicht erkennen. Sie sind völlig verkrautet und werden nur einmal im Jahr gemulcht. Auf weiteren Flächen ist die landwirtschaftliche Nutzung nur eingeschränkt erlaubt.

Heute spielt das Thema Dioxin in Maulach offensichtlich keine große Rolle mehr. Der Roßfelder Ortsvorsteher Hartmut Werny, der 1984 erstmals in den Ortschaftsrat gewählt worden war, kann sich zwar noch gut an die Verunsicherung erinnern, die der Dioxinskandal in Maulach ausgelöst hat, er meint aber auch, dass das Thema heute im Dorf nicht mehr präsent ist. Wie es scheint, wächst das Gras nicht nur auf der Deponie im Burg­bergwald, sondern auch über den Skandal.

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Das Naturschutzgebiet Reußenberg ist ein Naherholungs­gebiet für Wanderer und Radfahrer. Nur ein paar Kilometer weiter gibt es aber auch einen Autobahnrastplatz.

Ralf Mangold

Einer, der sich hier ganz genau auskennt, ist der ehemalige Forst­amtsleiter Franz Köberle. Der Crailsheimer kann praktisch zu jedem Baum und Tümpel irgendetwas erzählen, kennt jeden Winkel des 182 Hektar großen Gebietes in der Nähe von Maulach, das bereits im Jahre 1937 unter Naturschutz gestellt worden ist.

Und er gibt dieses Wissen auch gerne weiter. So bietet er seit vielen Jahren Waldführungen für die Volkshochschule oder die Forstbetriebsgemeinschaft an. Im Februar diesen Jahres war er zuletzt mit einer Kindergruppe unterwegs. Das Interesse war so groß, dass er die Winterwanderung eine Woche später sogar noch einmal anbieten musste. Da zeigt er den Kindern dann einen Fuchsbau, Spuren von Wildschweinen oder auch Niststätten verschiedener Tiere. „Früher“, erzählt er, „gab es hier sogar Rot­hirsche und Wölfe.“

Informationsschilder für Wanderer

Für Wanderer hat er im Laufe der vielen Jahre, die er als Förster gearbeitet hat, einige Informationsschilder an interessanten Orten angebracht. Hier stehen Erklärungen beispielsweise über die „Grüne Lache“, die 1911 durch ein Erdbeben entstanden ist, anfangs zwölf Meter tief war und nun langsam verlandet. Ein anderes Schild ist an einen abgestorbenen Baum genagelt und erklärt, wie er nun für andere Tiere oder Pilze neuen Lebensraum bietet. „Offiziell ist es zwar kein Bannwald, aber er wird genauso behandelt. Das heißt, dass beispielsweise umgeknickte oder abgestorbene Bäume nicht weggeschafft, sondern einfach der Natur überlassen werden“, erklärt Köberle. In den zahlreichen Kleingewässern finden Amphibien wertvolle Lebensräume. Darunter auch die Erdkröte sowie der Laub- und Seefrosch. Zu den botanischen Kostbarkeiten des Gebiets zählt das seltene Sumpf-Blutauge.

Auch wenn alles sehr wild und ursprünglich aussieht, sind einige Teile des Naturschutzgebietes nach einem genauen Plan des Artenschutzprogramms entstanden, um seltene Pflanzen und Tiere zu erhalten. Für Libellen wurde beispielsweise ein Lachenufer von Bäumen befreit, damit hier Seegras und Schilf wachsen kann. In dem feuchtwarmen Klima fühlen sich die Libellen wohl, und da die Tümpel zum größten Teil ohne Fischbesatz sind, ist auch ihr Nachwuchs nicht in Gefahr. Nur noch im oberen und der unteren Reußenbergweiher wird vom Crailsheimer Angelverein gefischt.

Tier und Pflanzen beobachten

„Obwohl ich inzwischen im Ruhestand bin, gehe ich immer wieder gerne in den Wald und genieße die frische Luft“, erklärt Köberle. Neben Entspannung liebt er es vor allem, die Tiere und Pflanzen dort genau zu beobachten. „An diesem riesigen Baum macht sich gerade ein Biber zu schaffen“, zeigt er die Nagespuren. „Er will ihn fällen, aber nur damit die kleinen Bäume am Wasserrand mehr Licht bekommen und besser wachsen. Die frisst er nämlich besonders gerne.“

Franz Köberle hat seinen Blick auf den Wald geschärft. „Ich schaue meistens nach oben. An den Baumkronen kann ich genau erkennen, wie es dem Wald geht.“ Und besonders interessant ist für ihn, wenn er in der Dämmerung zum Jagen im Wald sitzt und die Geräusche der nachtaktiven Tiere wie Eule oder Fledermaus hört.

Einiges lauter geht es allerdings ein paar Kilometer weiter nördlich zu. Wie das Naturschutzgebiet heißt nämlich auch der Autobahnparkplatz an der A 6 „Reußenberg“. Hier parken die Lkws oft bis in den Beschleunigungsstreifen der Autobahn hinein, und so geht es manchmal recht chaotisch zu. Die meisten Fahrzeuge kommen aus Osteuropa, wie man unschwer an den Kennzeichen erkennen kann.

Ein guter Platz zum Rasten

Kurz vor 20 Uhr stellt Werner seinen 40-Tonner ab und macht sich noch kurz frisch in der öffentlichen Sanitäranlage. Er wohnt in Bad Windsheim und hätte eigentlich auch daheim schlafen können. „Um den täglichen Stau auf der A 6 zu umgehen, muss ich früh los fahren. Und so spare ich beinahe zwei Stunden“, erklärt der 54-Jährige. Seit über 30 Jahren ist er nun schon auf den Highways in Deutschland und Österreich unterwegs. Er übernachtet öfters auf dem Reußenberg-Parkplatz, „hier ist es relativ ruhig und kostet nichts, anders wie beispielsweise auf einem Autohof“.

Am Vormittag war er noch in Regensburg und Schwäbisch Gmünd mit seinem Möbeltransporter, nach rund zehn Stunden auf der Autobahn will er jetzt nur noch in seine Koje im Fahrerraum und schlafen. „Vesper habe ich dabei. Dazu höre ich noch ein bisschen Radio und schaue fern.“

Nur recht selten hat er Kontakt zu den anderen Lkw-Fahrern, „jeder ist müde und will seine Ruhe“. Probleme mit dem Einschlafen hat er eigentlich nur dann, wenn er neben einem Kühltransporter steht, „das Gebläse ist schon sehr laut“. Viel Zeit zum Erholen hat er allerdings nicht, denn um vier Uhr geht es am nächsten Tag dann für ihn schon wieder weiter in Richtung Bodensee.

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Ein wunderschönes Haus auf einem wunderbaren Platz: Die Villa Schöneck bei Kirchberg hat eine wechselvolle Geschichte. Seit 1984 residiert hier eine Bibelschule.

Von Harald Zigan

Das Land der Burgen und Schlösser – so nannte der Bächlinger Pfarrer Rudolf Schlauch seine hohenlohische Heimat. In Kirchberg ist die Ansammlung von steinernen Zeugen der Vergangenheit besonders augenfällig: Auf einer Seite des Jagsttales thront majestätisch das Kirchberger Schloss, jenseits ragt der trutzige Turm des Hornberger Schlosses in den Himmel.

Und nur ein paar Steinwürfe weiter komplettiert ein traumhaft schönes Bauwerk den Dreiklang von Kirchberger Kleinoden: die Villa Schöneck, in der seit 1984 die Bibelschule Kirchberg residiert.

Das Haus hat eine wahrhaft bewegte Geschichte hinter sich. Die Wände könnten von tieftraurigen Ehedramen, von den ersten heimlichen Liebeleien höherer Töchter, von den Streichen Stuttgarter Schüler erzählen – aber auch von Menschen, die an diesem wunderbaren Fleckchen Erde einen noch tieferen Zugang zu dessen Schöpfer gefunden haben.

Von Berlin nach Hornberg

Als Ludwig Trowitzsch im Jahr 1889 die Villa erbauen ließ, dürfte er keinen blassen Schimmer davon gehabt haben, dass der erst fünf Jahre zuvor geschaffene 10. Längengrad exakt über den Hof vor seiner stattlichen Immobilie verläuft.

Der Sohn eines vermögenden Druckerei­besitzers aus Berlin, der 1872 im zarten Alter von zehn Jahren zusammen mit seinen drei Schwestern von der umtriebigen Reichshauptstadt ins weit abgelegene Hornberger Schloss kam, wo seine verwitwete Mutter Berta den Freiherrn Gustav Adolf von Crailsheim heiratete, dürfte weitaus wahrscheinlicher von der prächtigen Lage dieses Grundstücks fasziniert gewesen sein: Von dieser hohen Warte aus gesehen ruht die Jagst wie ein silbernes Geschmeide tief unten im Tal, das Panorama ist immer noch atemberaubend schön, wenngleich es heutzutage durch die Windräder-Parade am Horizont getrübt wird.

Der „Privatier“ Ludwig Trowitzsch baute mit der Villa ein nobles „Nest“ für seine Familie: Drei Jahre zuvor stand er mit der Rechtsanwaltstochter Frida Hirschmann aus Schwäbisch Hall vor dem Traualtar, die Kinder Rudolf und Bertha kamen 1887 und 1888 zur Welt.

Nobles „Nest“ bringt kein Glück

Aber selbst ein solches Traumhaus konnte ein Zerwürfnis der Eheleute nicht übertünchen: Das Paar ließ sich schon 1893 scheiden, zwei Jahre später heiratet der Hausherr die Stuttgarterin Wilhelmine Voigt. Das Glück zog aber auch mit dieser neuen Partnerschaft nicht in die Villa ein: Ludwig Trowitzsch nahm sich 1913 das Leben, die Witwe zog mit ihrer Tochter Felizitas zurück nach Stuttgart.

1919 gelange die repräsentative Immobilie am Jagsttrauf in den Besitz der Stuttgarter Bankierswitwe Helene Zorn, die hier eine Schule für „höhere Töchter“ eröffnet. Die nächsten Besitzer sind ab 1932 die Ingenieurswitwe Anna Poley und ab 1948 der Landwirt Heinrich Poley.

1952 wird ein Markstein in der Geschichte des Hauses gesetzt: Die Stadt Stuttgart kauft die Villa und richtet dort ein Schullandheim ein. Generationen von Stuttgarter Schülern erleben dort unbeschwerte Wochen – bis zum Sommer 1983: Die sparsamen Schwaben im Rathaus der Landeshauptstadt wollen das Defizit von jährlich 200 000 Mark nicht mehr länger tragen, machen die Erholungsstätte dicht und schauen sich nach einem Käufer um. Über die Aktiven Jungen Christen (AJC) in Hohenlohe erfährt die Bibelschule im schweizerischen Walzenhausen am Bodensee von dem Objekt. Im Mai 1984 ist der Kauf unter Dach und Fach, der Verein „Bibelschule Kirchberg“ gegründet und schon im Oktober starten die ersten Freizeiten – seit 1989 betreut von Uschi Kurz, die in den Untiefen der Archive auch die wechselvolle Geschichte der Villa recherchiert hat.

„Die Stadt Stuttgart ließ auch sämtliches Inventar zurück – von den Wolldecken für die Stockbetten bis hin zum Besteck in der Küche“, wie sich Jörg Ehlerding erinnert.

Er arbeitete schon von 1986 bis 1992 an der Bibelschule und kam nach einigen Jahren als Missionar in der Mongolei im Jahr 2011 als neuer Schulleiter zurück in die altehrwürdige Villa, wo er zusammen mit sechs Lehrkräften bei Kursen und Ausbildungen Fächer wie Bibelkunde, praktische Seelsorge und Missionsarbeit unterrichtet – ausgerichtet nach den Grundsätzen der evangelischen Allianz in Deutschland.

„Theologie, die verändert“

Für viele Absolventen stellt die Ausbildung in der Bibelschule ein berufliches Sprungbrett für die Arbeit in Gemeinden dar, aus Hornberg sind auch schon viele „Bibelschüler“ als Missionare hinaus in die weite Welt gezogen.

„Einen weiten Horizont vermitteln und dabei helfen, religiöse Scheuklappen abzulegen“ – so definiert Jörg Ehlerding die vornehmste Aufgabe der Bibelschule, die sich das Motto „Theologie, die verändert“ gegeben hat. Die Seelenfrieden stiftende Schönheit der Villa (die sich ihrem Erbauer offenbar nicht erschloss) und die nicht minder kontemplative Landschaft ringsherum dürften für dieses Unterfangen nicht hinderlich sein – ganz im Gegenteil…

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Müller in Hohenlohe waren selten reich; zu wenig und zu unregelmäßig Wasser führen die Flüsse und Bäche im Muschelkalk. Die Bartenmühle aber hatte Glück mit ihren Besitzern.

Von Birgit Trinkle

Der Weg eines armen Färberjungen von der Brettenfelder Bartenmühle nach Paris, wo er einige Tausend Mitarbeiter beschäftigte, eine Königin einkleidete und sogar die französische Revolution heil überstand, ist ein märchenhafter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie im (Rumpelstilzchen-)Märchen dürfte sich Lina Grund gefühlt haben, als im Krieg „Berge von Stroh“ zu ihr gebracht wurden, auf dass es nicht zu Gold, wohl aber zu Seilen wurde. Der Druck war groß, die Bauern warteten; „Tag und Nacht“ hätte seine Mutter arbeiten können, erinnert sich Walter Grund, und das ein oder andere Mal hat sie das getan. Das war dann mehr mörderisch als märchenhaft. Aber auch die Geschichte der Strohseile, die von 1920 an mit Wasserkraft gedreht wurden, bis 40 Jahre später die ersten Mähdrescher das Garbenbinden überflüssig machten, sprengt den Rahmen dieser „Längengrad“-Folge: Die Bartenmühle hat so viel zu erzählen.

Mit der Kraft des Wassers

Urkunden gehen zurück ins Jahr 1434, aber vermutlich ist die Anlage an der früheren Einmündung des Bächleins Barte in die Brettach sehr viel älter. Walter und Wilfried Grund, Vater und Sohn, sind die vorläufig letzten einer langen Reihe von Mühlenbesitzern, die sich kümmern. Nicht länger, weil ihr Lebensunterhalt davon abhängt, sondern weil sie erhalten wollen, was so vielen wichtig war.

Während der ersten Jahrhunderte war die Bartenmühle Getreide- und Ölmühle. Philipp Jakob Oberkampf, dessen Sohn Christoph Philipp später die französischen Textildruckfabriken begründet hat, war selbst begnadeter Färber, der den Kattundruck auf den Weg gebracht hat. Er nutzte die Bartenmühle als Färberwalke. Leonhard Korn hat 1824 auch noch ein Sägewerk gebaut, das freilich nie sonderlich gut lief – Wasser neigt in Hohenlohe dazu, unversehens zu versickern; die Flüsse führen selten richtig viel Wasser.

Die Grunds übernehmen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das Sägewerk zweieinhalb PS; das Zuppinger Rad des Mahlwerks, das mit den Schaufelrädern, lief immerhin mit vier Pferdestärken. Die Witwe des letzten Bartenmüllers Johann Korn gab die Mahlmühle 1913 auf und betrieb nur noch die Sägemühle, bis sie die ganze Anlage an den Kunstmaler Johann Grund verkaufte. Der konnte als Kriegsheimkehrer gar nicht mehr aufhören zu malen; sein Sohn Werner wurde der erste Hohenloher Kunstpreis-Träger. Auch so eine Geschichte, die nur darauf wartet, erzählt zu werden.

Der Künstler verkaufte die Mühle 1919 an seinen Bruder Friedrich, der Schrift­setzer in Gerabronn war. Die Mühle wurde von Lina Grund für die Strohseilfa­brikation genutzt; mit ihrer „Bändermaschine“ lassen sich übrigens noch immer Schilfseile herstellen. Das herauszufinden war den Grund-Männern wichtig.

1960 wurde es still um die Bartenmühle. Die Familie zog weg, hat die Mühle aber nie vergessen. Sohn Walter, 1931 geboren, ist hier groß geworden. Während seiner Ausbildung in einem Feinkostladen in Stuttgart hat er Körbe voller Krebse aus der Brunnenstube mit in die Hauptstadt genommen. So sauber war die Brettach seither nicht wieder – später verwandelte eine problembehaftete Kläranlage bachaufwärts den Mühlbach zeitweise in eine stinkende Kloake.

Als der Steinbruch stillgelegt war, damit auch der Lärm durch Sprengungen und Steinbrecher Vergangenheit, kamen die Grunds zurück. Wie sein Vater ist auch Wilfried Grund einer, der sein Herz an die Mühle verloren hat. Der Senior baute bei der Sägmühle ein Wasserkraftrad auf und nutzt sie dank einer Turbine mit Generator zur Stromerzeugung. Sehr ergiebig ist das nicht, aber dass die Kilowattstunde Strom aus Solar­anlagen mit dem Fünffachen dessen vergütet wird, was für den „Wasser-Strom“ gezahlt wird, finden Vater und Sohn sehr ungerecht. Walter Grund denkt trotz seiner 86 Jahre nicht daran, aufzuhören: Die Brettach braucht den Sauerstoff, den sein Wasserrad ihr in so reichem Maß ins Wasser schaufelt, davon ist er überzeugt.

Wilfried Grund, der 1979 13 Jahre alt war, erinnert sich an seine ersten Jahre in der Mühle, an Kerzen und Taschenlampen in den Schlafzimmern – das Wasserrad produzierte gerade genug Strom für zwei Glühbirnen in Wohnzimmer und Küche. Jahrelange harte Arbeit investierte der Junior in die alte Brunnenstube und schaufelte das alte Zuppinger Rad aus dem Schlamm – was für ein Festtag, als es sich erstmals wieder drehte –, setzte gebogene Schaufeln aus Pappelholz ein und kam allmählich zur Erkenntnis, dass die Zeit gegen ihn arbeitet: Hier faulen Speichen durch, dort versagt das Lager. Aber das hindert ihn nicht daran, der alten Mühle seine Zeit und seine Arbeitskraft zu schenken. Das hat sie verdient.

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Der Schuckhof bei Blaufelden entstand ab 1948 auf fürstlichem Grund und Boden – die Familie Steinbach nutzte die Chance als „Pionier“ auf einem gerodeten Land.

Von Harald Zigan

In dieser Schule herrscht eiserne Disziplin: Alle Zöglinge stehen Tag und Nacht in Reih‘ und Glied, ein Entkommen gibt es nicht. Die einzelnen Klassen tragen zur besseren Unterscheidung fünfstellige Nummern. Das einzige Unterrichtsfach heißt „Wachstum“– und jedes Jahr verlassen sage und schreibe eine Million Absolventen mit wohlklingenden Namen wie Prunus Padus oder Sorbus Torminalis die Baumschule von Karin und Peter Steinbach auf dem Schuckhof bei Blaufelden.

Auch die schmucken Traubenkirschen und die edlen Elsbeeren wachsen auf den rund 30 Hektar großen Feldern der Baumschule zu kräftigen Jungbäumchen heran – in trauter Eintracht mit den weitaus häufiger vertretenen „Klassikern“ namens Fichte, Tanne oder Ahorn.

Schwielenfreie Städter

„Schwer im Kommen sind angesichts des Klimawandels die Douglasie und die Eiche“, sagt Peter Steinbach, der seine Kunden in einem Umkreis von rund 150 Kilo­metern auch mit Landschaftsgehölzen und Heckenpflanzen beliefert.

In jüngster Zeit stehen in den Auftragsbüchern der Firma Steinbach verstärkt Dienstleistungen wie Zaunbau oder Kulturpflege: Nicht jeder schwielenfreie Stadtmensch mag zum Freizeit-Holzfäller mit Motorsäge mutieren, wenn er ein Stück Wald vom hohenlohischen Opa geerbt hat.

Den Grundstein für die Forstbaumschule auf dem Schuckhof legte der Großvater Friedrich Steinbach: Der frühere Förster in Schrozberg nutzte nach dem Zweiten Weltkrieg eine einmalige Chance, als von der US-Militärregierung das „Gesetz zur Beschaffung von Siedlungsland und zur Bodenreform“ erlassen wurde und jeder Grundbesitzer mit einer Fläche von über 100 Hektar zur Abgabe von Land gegen eine schmale Entschädigung verpflichtet wurde.

Landverlust für den Fürsten

Zu diesem vermögenden Kreis der Großgrundbesitzer zählte auch August Fürst zu Hohenlohe-Öhringen: Er musste im Jahr 1948 ein rund 120 Hektar großes, zu zwei Dritteln aus Wald bestehendes ­Areal zwischen Brettenfeld und Blaufelden herausrücken, das von der württembergischen Landsiedlung in mühevoller Arbeit in Ackerland verwandelt wurde – als erdige Grundlage vor allem für die Ansiedlung von Landwirten, die der Zweite Weltkrieg und seine Folgen von ihrer Scholle in den Ostgebieten vertrieben hatte.

Die Landsiedlung entwarf auch einen unverkennbaren Typus von Bauernhöfen mit angebautem Stall, Tenne und weit vorgezogenem Vordach – ein gut durchdachtes Modellprojekt.

Die Familie Renner war dort schon seit 1948 mit einer kleinen Wirtschaft am Grettenbach vertreten, die für die Grundversorgung der zahlreichen Rodungsarbeiter sorgte und als beliebtes Ausflugslokal mit „Tanzboden“ auch die neugierigen Besucher der „Großbaustelle“ bewirtete. Zug um Zug konnten dann bis 1952 die Familien Born, Sonnek, Strehle und Stülpner als „Pioniere“ auf dem urbar gemachten Land ihre neuen Hofstellen beziehen.

Und Friedrich Steinbach gruppierte um den kleinen Pflanzgarten des Öhringer Fürsten ab Juli 1950 nach und nach eine veritable Baumschule, die 1969 von seinem Sohn Hermann und dessen Ehefrau Hannelore übernommen wurde und seit 2010 von ihren Kindern Peter und Karin Steinbach in der dritten Generation geführt wird.

Ein uralter Vorgänger

Ein unbeschriebenes Blatt in der hohenlohischen Geschichtsschreibung war die neue Bauernsiedlung freilich nicht: Schon anno 1434 wird ein dortiges Anwesen namens „Schuhkauf zu Tifental“ erstmals urkundlich erwähnt – wobei die Bezeichnung nichts mit Fußbekleidung, sondern mit „Schuck“ zu tun hat, was „Heuhaufen“ bedeutet.

Die neuen Bewohner übernahmen den alten Namen, der auf den Flurkarten überlebt hatte. Und ein jahrelanger Disput um die Frage, zu welcher Kommune der Schuckhof mit seinen Feldern sowohl auf der Gemarkung Blaufelden als auch auf dem Gebiet von Rot am See nun gehören soll, wurde 1955 streng demokratisch entschieden: Die Schuckhofer votierten einstimmig für Blaufelden.

Und dass das Öhringer Fürstenhaus den Landverlust des Jahres 1948 ohne Groll verschmerzt hat, kann wiederum Peter Steinbach bestätigen: „Wir haben heute noch gute Geschäftsbeziehungen zueinander.“


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Wer im Hauptwasserturm Lindlein ganz nach oben will, muss fast 150 Treppenstufen nehmen – dafür wird er dann mit einer Aussichtsplattform belohnt.

Von Jens Sitarek

Am Rande eines Waldstücks, nahe Lindlein bei Schrozberg, harmonisch eingefügt in die umliegende Landschaft und schon von Weitem zu erkennen, erhebt sich der Wasserturm Lindlein ins Land, der Hauptwasserturm der Hohenloher Wasserversorgungsgruppe“ – so steht es in der Festschrift 75 Jahre HWG aus dem Jahr 2013. Diese Beschreibung trifft es ziemlich gut. Die Kulisse würde sich prima für ein Freilichttheater eignen, aber auf die Idee kam bislang noch keiner.

Der Wasserturm in Lindlein ist der wichtigste Teil der HWG, deshalb wird er auch „das Haupt der Gruppe“ oder „Tempel des Wassers“ genannt. Für Holger Gersten ist er „von der Architektur her einer der schönsten“, neben dem in Wallhausen. 16 Wassertürme gibt es insgesamt im Versorgungsgebiet. Gersten, 48, kennt sie alle. Er ist technischer Betriebsführer bei der HWG, und das Beste ist: Er hat einen Schlüssel mitgebracht.

Über den Dächern und Bäumen

148 Stufen sind es bis zur Aussichtsplattform, die HWG hat genau mitgezählt. Oben ist es windig, die Plattform ragt einige Meter über die Baumspitzen hinaus. Gleich wenn man rauskommt, sieht man die Dächer von Lindlein und daneben den Wasserturm Kälberbach. Schroz­berg sieht man nicht, die Stadt liegt in einem Tal. Auf der anderen Seite erkennt man den Wasserturm Gerabronn und den Funkturm Langenburg, sonst gibt es viel Wald und viele Felder. Mindestens einmal pro Woche schaut jemand von der HWG rein, wenn keiner kommt, um rauszuschauen. Willi Oberndörfer aus Schroz­berg ist als Wasserwärter unter anderem für den Turm in Lindlein zuständig. Ab und zu kommen auch mal Schulklassen oder Kindergärten, sagt Gersten. Und alle 14 Tage einer, der Wasserproben nimmt.

Die heilige Wasserkammer

Am Turm wurde von 1956 bis 1959 gebaut, die Einweihung war am 24. Juni 1959. Das Teil ist noch sehr gut instand, vor 20 Jahren traten altersbedingt Beton- und Korrosionsschäden auf – eine umfangreiche und teure Sanierung. 1983 kam nebenan ein Hochbehälter hinzu. Eigentlich müsste der Hochbehälter Tiefbehälter heißen, weil sich das meiste unter der Erde abspielt. Der Hochbehälter wurde damals wegen des wachsenden Versorgungsgebietes notwendig. Er fasst 5000 Kubikmeter.

2000 Kubikmeter sind es in der Wasserkammer des Wasserturms. Für Gersten ist sie „das Heiligste, da kann nicht jeder rein“. Sollten Innenarbeiten nötig sein, wird erst das Wasser abgelassen. Wegen der Hygiene. Vor der Tür hört man ein Rauschen. 15 Liter pro Sekunde laufen ins kreisrunde Becken. Das ist natürlich nicht viel, aber es reicht, damit sich die Wasseroberfläche bewegt und sich kein Film bildet. Das Wasser wird im Wasserwerk Bronn aufbereitet.

Ansonsten versprüht die Kammer eher den Charme eines Schwimmbades aus den 1980er-Jahren. Kacheln überall. Die äußere Wand ist allerdings nicht die Außenwand, es gibt noch einen Hohlraum, damit das Wasser nicht kondensiert, erst dann kommt die Außenwand. Weil das Wasser so eine Eigenwärme hat, muss übrigens nicht geheizt werden. Eine Ausnahme bilden nur die Schaltschränke.

Der Wasserturm Lindlein liegt 513 Meter über Normal Null. „Durch die Höhe bauen wir hier einen statischen Druck auf“, betont Gersten, „umliegende Ortschaften können so ohne Pumpe für die Druckerhöhung versorgt werden.“ Eine Verteilung ist in alle Richtungen gegeben. Und zufällig liegt der Wasserturm direkt am 10. Längengrad. Gersten hört das übrigens zum ersten Mal. Bei dem Wort Längengrad muss er an seinen Nordsee-Urlaub vor drei Jahren denken. Weil das Wetter schlecht war, besuchten sie das Klimahaus in Bremerhaven. Dort verläuft der 8. Längengrad.

Plötzlich ein Knall. Ein Schuss?

Zum Abschluss des Besuchs beim Wasserturm Lindlein geht es in den Hochbehälter. Ein kurzer Blick auf das sogenannte Fließschema an der Wand. Plötzlich ein Knall. Ein Schuss? Nein, nur die Rückschlagklappe, versichert Gersten. Alles in Ordnung. Dann muss Gersten doch noch mal in den Wasserturm nebenan. Er hat das Licht im Treppenhaus angelassen.

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Unterwegs im Nonnenwald bei Schrozberg mit Revierförsterin Waltraud Leinen: Die alten, romantischen Klischees vom Heger und Pfleger greifen schon lange nicht mehr.

Von Mathias Bartels

Wie war das doch gleich? Der Förster trägt Loden und Flinte, plaudert mit Bäumen und Rehen, führt Kampfdackel Lumpi an der Leine und rettet von Zeit zu Zeit Schneewittchen. Oder? Schnitt. Aus. Vorbei. Nichts ist es mit dem romantischen Klischee vom verträumten Heger und Pfleger im dunklen Tann. Wer mit Waltraud Leinen in ihrem Revier unterwegs ist, merkt schnell, worauf es wirklich ankommt. Hier ist eine Öko-Managerin am Werk, auf die ein ungemein breites Spektrum an Aufgaben darauf wartet, abgearbeitet zu werden. „Nein“, lacht die Revierförsterin, „langweilig wird mir wirklich nicht.“

Ihr Revier: Das ist unter anderem der Nonnenwald mit seinen rund 300 Hektar, das sind in der Summe aber knapp 2000 weitere Hektar Waldgebiet im Nord­osten des Landkreises, für die die 49-Jährige die Verantwortung trägt – ein ungemein anspruchsvoller Job. Den Nonnenwald indes durchtrennt der zehnte Längengrad, was Waltraud Leinen bislang übrigens gar nicht bewusst war. „Das ändert aber auch nichts an meinen Aufgaben“, gibt sie sich betont nüchtern.

Nasses Waldstück für die Nonnen

Um den Nonnenwald ranken sich etliche Geschichten und Sagen. Den Namen soll das Gehölz von einem ehemaligen Nonnenkloster-Ableger erhalten haben, denen die örtlichen Grundherren ein Stück Wald zur Nutzung überlassen haben sollen. Anno 1615 ließ Graf Georg Friedrich zu Hohenlohe-Weikersheim ein Gehege für Reh- und Damwild errichten.

Im 13. Jahrhundert wurde das kleine Kloster erstmals erwähnt, nach dem 30-jährigen Krieg mit unzähligen Überfällen und der seinerzeit wütenden Pest war dort Schluss mit dem Leben in klösterlicher Klausur am sogenannten Flienshof. Von dem existieren noch Grundmauern, ein Kellergewölbe, und auch Entwässerungsgräben sind noch erkennbar. Die wiederum waren schon damals wichtig, denn nahezu der gesamte Nonnenwald gilt als extrem nasses Gelände.

Extrem wertvoll für den Naturschutz

Das macht das Gebiet heute so wertvoll für den Naturschutz, dass die Europäische Union den Nonnenwald zum Fauna-Flora-Habitat aufgestuft hat. Mit allen Konsequenzen, sprich: Zertifizierungen, Kontrollen und Nachbesserungen. Auch darum hat sich die studierte Forstwirtin Waltraud Leinen zu kümmern, die seit 2005 dem Haller Landratsamt zugeordnet ist. Vorher arbeitete sie dem Staatlichen Forstamt Schrozberg zu. Seit 1991 ist sie dabei, löste seinerzeit den langjährigen und hoch anerkannten Förster Wolfram Meyer ab, Revierleiter bis 2008.

„Für die Nonnen war es sicher kein Zuckerschlecken, dem nassen, schweren Boden Getreide und ein paar Feldfrüchte abzuringen“, versucht sich die Försterin in die mühsame Zeit des Mittelalters einzufühlen. „Im Prinzip ist hier heute noch alles nass, bis auf ein paar kleine, höher gelegene Inseln.“ Erst um 1850, so klärt Waltraud Leinen auf, sei das Sumpfgebiet nach und nach aufwendig in Ackerland umgewandelt worden. Ihre Schlussfolgerung: „Das war sicher keine lustige Zeit für die Bauern.“ Heute ist der Nonnenwald nicht nur FFH-Gebiet mit zahllosen wertvollen Arten, hier findet sich auch der Submissionsplatz, auf dem einmal im Jahr die besten Laubbäume aus dem gesamten Landkreis und angrenzenden Gebieten gesammelt und versteigert werden. Per Submission, also mit verdeckten schriftlichen Geboten. Auch das bringt für Waltraud Leinen und ihre Kollegen eine Menge Arbeit mit sich, denn der Platz will vorbereitet, das Angebot aufgelistet, die Sammlung organisiert sein. Interessenten aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich, der Schweiz und Frankreich können die Laubbaumstämme etwa vier Wochen lang begutachten. Dann wird geboten. Wie üblich erhält der Meistbietende den Zuschlag.

Infotafeln klären Spaziergänger auf

Die Nässe sorgt dafür, dass im Nonnenwald reine Fichtenkulturen, bis in die 70er-­­Jahre noch vorherrschend, keinen festen Grund finden und weitgehend Laubbäumen gewichen sind. „Zum Glück“, meint Waltraud Leinen. Die Nässe verschafft vielen Arten gerade in der Nähe des Submissionsplatzes ideale Bedingungen. Ringelnattern und Kammmolche, Libellen und Schmetterlinge, aber auch viele seltene Pflanzen sind hier heimisch. Zuweilen hilft die Forstwirtschaft nach, damit neue Fahrspuren ideale Laichgewässer schaffen. Einige Infotafeln klären die Waldspaziergänger über die Besonderheiten des ebiets auf. Vielleicht kommt ja bald noch eine Tafel hinzu, dass hier der 10. Längengrad verläuft?

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Während viele Landwirte keinen Hoferben haben, ist die Nachfolge bei der Familie Kuppler in Reupoldsrot geregelt: Christine Kuppler führt eine lange Tradition fort.
 
Von Jens Sitarek

Drei Töchter. Was grundsätzlich eine wunderbare Sache ist, ist für einen Bauernhof das absehbare Ende. Oder? Hans-Martin Kuppler (64) weiß, dass das ein Klischee ist: „Ich kenne Bauern, die haben vier Söhne und finden keinen Hofnachfolger.“ Bei den Kupplers hingegen ist der Generationenwechsel bereits vollzogen: Eines seiner Mädchen, Christine, hat den Betrieb kürzlich offiziell übernommen. Schon seit 2006 treibt sie ihn mit ihrem Vater und mit Mutter Sigrid um. Gegen das Klischee. Mit Leidenschaft.

„Das ist Enna“, sagt Christine Kuppler und zeigt auf eine Kuh, die ihren Kopf durchs Gatter streckt. Die 33-Jährige steht im Mittelgang des Laufstalls, den die Familie 2009 gebaut hat, und sie könnte ewig so weitermachen, wenn sie wollte: Das ist, das ist, das ist, das ist. Sie kennt ausnahmslos alle ihre Tiere beim Namen, sie erkennt sie an der Zeichnung, an der Kopfform, am Gang – und das bei 90 Milchkühen und weiteren 90 weiblichen Jungtieren, der Nachzucht.

Morgens melken, abends melken

Die Kupplers betreiben Milchwirtschaft und Fleckviehzucht. Der Tag beginnt mit dem Melken, und er endet damit. Beginn: 6 Uhr. Ende: 19 Uhr. Wenn’s gut läuft. In der Zeit dazwischen gibt es immer Arbeit – ob nun das Futter gemischt werden muss, ob Kälber getränkt werden müssen, ob eine brünstige Kuh besamt werden muss, ob am Stall etwas repariert werden muss, ob gesät oder geerntet werden muss. Die Kupplers bewirtschaften 120 Hektar Ackerland, 19 Hektar Grünland und 11 Hektar Wald. Das meiste machen sie selbst, manchmal unterstützt sie ein Lohnunternehmen.

Man könnte fragen: Warum tut man sich das an? Man kann auch sagen: „Der Job hat alles, was ich gerne mache.“ Letzteres sagt Christine Kuppler. Sie ist zwar genervt von der Bürokratie rund um ihren Beruf, die immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber: Sie liebt die Kühe, sie liebt es, große Maschinen wie den neuen 280-PS-Bulldog zu bewegen, an der frischen Luft zu arbeiten, sich das Tagwerk selbst einteilen zu können. „Ich bin damit groß geworden“, sagt sie. Hans-Martin Kuppler ergänzt: „Da müssen Sie Herzblut haben.“

Wo der Kupplersche Hof steht, wurde wohl schon in grauer Vorzeit Landwirtschaft betrieben. Bis ins 17. Jahrhundert hinein sind die Namen seiner Besitzer bekannt. Und hätte das Schicksal im frühen 20. Jahrhundert nicht hart zugeschlagen, säße heute kein HT-Redakteur mit Hans-Martin, Sigrid und Christine Kuppler zusammen. 1918 starb Gottlob Dimmler, der den Hof eigentlich hätte übernehmen sollen, 18-jährig an TB. 1920 brannten Stall und Scheuer ab.

Hans-Martin Kupplers Großeltern – seine Großmutter war eine Schwester Gottlobs – entschieden sich, den Betrieb wieder aufzubauen und weiterzuführen. Sie kamen aus Schorndorf nach Reupolds­rot. Großvater Martin Kuppler war eigentlich Kaufmann, jetzt wurde er Landwirt. Auch Hans-Martin Kupplers Vater Alfred wäre die Welt außerhalb Hohenlohes offengestanden. Er studierte in Hohenheim, promovierte über Grassamenvermehrung, hätte an der Uni bleiben können. Aber auch er entschied sich letztlich für den Hof. Dieser war früher ein klassischer Mischbetrieb mit Schweinen, Rindern und ein paar Hühnern. Zeitweise setzten die Kupplers in der Nachkriegszeit auf Hühnerhaltung im großen Stil, hatten mehr als 5000 Tiere.

Ein Katalog voller Bullen

Heute dreht sich bei ihnen alles ums Fleckvieh. Seit Christine Kuppler ihre Ausbildung, ein Praxisjahr in Schleswig-Holstein und die Technikerschule in Triesdorf hinter sich hat, also seit 2006, ist die Zahl der Tiere stark gestiegen. Die gentechnikfreie Milch wird an die Molkerei in Schrozberg geliefert, mit deren Arbeit die Kupplers sehr zufrieden sind. Der kleinere Wirtschaftszweig ist die Zucht – wobei die Freude daran groß ist. Der Samen welches Bullens bei welcher Kuh zu einwandfreien Ergebnissen führt, das ist eine Wissenschaft für sich. Christine Kuppler zeigt einen Katalog der Rinderunion, mit Bildern schöner Bullen und mit jeder Menge Zahlen, die nur der Profi zu interpretieren weiß.

Fast bei jeder monatlichen Auktion in der Ilshofener Arena sind die Kupplers dabei. Sie verkaufen Jungkühe, Bullenkälber und junge Zuchtbullen. Ehrensache ist, dass sie an den Prämierungen auf der Muswiese und dem Jakobifest teilnehmen. Die sind zwar längst kein Wirtschaftsfaktor mehr, aber willkommene Traditionspflege. Und der Ehrgeiz, dort schöne, gesunde Tiere zu präsentieren, ist groß. Daran arbeiten sie das ganze Jahr über – mit Erfolg. Ein Tierarzt jedenfalls hat einmal gesagt: „Wenn ich wieder auf die Welt komme, werde ich eine Kuh bei Kupplers.“

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Übersicht

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Kapitel 1 Einführung

Unbenannt

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Kapitel 2 Mühlsee bei Stetten

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Kapitel 3 Fichtenhaus

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Kapitel 4 Burgbergwald

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Kapitel 5 Roßfeld

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Kapitel 6 Reußenberg

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Kapitel 7 Villa Schöneck

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Kapitel 8 Barthenmühle

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Kapitel 9 Schuckhof

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Kapitel 10 Lindlein

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Kapitel 11 Nonnenwald

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Kapitel 12 Reupoldsrot

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